2019 wird die Regionalwert AG Oberfranken gegründet. Maria Zeusel und Dietrich Pax übernehmen seit Beginn gemeinsam den Vorstand. Vier Jahre später kommen die Regionen Mittel- und Unterfranken dazu. Aus der Regionalwert AG Oberfranken wird Franken. In unserem neuen Impact Stories Interview sprechen wir mit Dietrich Pax über Ökolobbyismus, Klimaschutz und Regionalwertiges in der Region und darüber hinaus.

In einem Satz: Wofür steht eure AG?

Also unsere AG steht für die regionale Transformation im Kontext des 1,5 Grad Ziels. Punkt.

Magst du zu dem 1,5 Grad Ziel noch was sagen?

Ja, man muss sicherlich sagen, die Regionalwert AG Franken (früher: Oberfranken) wurde damals aus dem Forum 1.5 Bamberg-Bayreuth gegründet. Da gab es verschiedene Initiativen, die entstanden sind, unter anderem auch dank des Professor Miosga, der an der Universität Bayreuth zum Thema 1,5 Grad und Nachhaltigkeit forscht. Da wird in die Politik geguckt und geschaut, was man an verschiedenen Aspekten tun kann, muss und sollte. Und in diesem Rahmen war auch die Wirtschaft Thema. Ist ja nicht ganz unerheblich, wenn man an das 1,5 Grad Ziel denkt. Das Forum hat später Christian Hiß* mal nach Bayreuth geholt und da entstand die Idee einer Regionalwert AG Oberfranken. Und hinterher, als sie den Vorstand suchten, sagten sie: „Wir brauchen einen Vorstand, kannst du dir das vorstellen? Du bist doch eh Lobbyist“. Und für mich war klar: Wenn ich dadurch schwerer werde als Lobbyist, mache ich das gerne. Und das hat auch geklappt. Wenn ich mich als Vorstand einer Aktiengesellschaft vorstelle, dann finden die mich gar nicht mehr so linksgrün-versifft, egal wie ich aussehe, sondern dann reden die sogar mit mir. Das hilft mir, dass ich an wichtigen Stellen verhandeln, entwickeln, drücken kann.

*Gründer der Regionalwert AG & der Regionalwert Leistungsrechnung

„Das, was die meisten Aktiengesellschaften und der Aktienmarkt heute sind, das ist ja die völlige Pervertierung dieses grundsätzlich richtigen Systems.“

– Dietrich Pax, Vorstand der Regionalwert AG Franken

Welches Problem wollt ihr mit eurer Arbeit lösen?

Wir möchten gute Ideen finanzieren, die von Banken nicht bedient werden. Und das hat Folgen. Weil man Ideen finanziert, die wirtschaftlich renditeschwach sind, wenn ich es positiv ausdrücke, negativ, wenn ich realistisch rede. Und da Modelle zu finden, wie man das trotzdem schafft, das ist für mich auch der Antrieb an dem Punkt weiterzudenken. Und da gibt’s Möglichkeiten.

Als Beispiel: Eine Solidarische Landwirtschaft, die ein Gewächshaus braucht…Ja, für 30.000 Euro oder 25.000 Euro. Wer geht denn da in die Haftung? Da gibt keine Bank auch nur einen Pfifferling für. Und dann kann eine Regionalwert AG hergehen und eine Finanzierung anbieten. Oder jemand, der z.B. Abholboxen herstellt. Ja, 20.000 Euro, das ist nicht die Welt, aber der macht sich gerade selbstständig. Wenn er nicht zufällig gerade einen Innovationspreis gewonnen hat, hat er geringe Chancen auf einen Bankkredit. Da kommen wir ins Spiel. Du brauchst einen Lieferwagen? Gut, das finanzieren wir und du kannst mit deinem Geschäft losziehen.

Für solche Fälle haben wir z.B. ein Mietmodell entwickelt: Also wir haben dann zum Beispiel der Solawi* das Gewächshaus gekauft und haben das an die Solawi vermietet, fünf Jahre lang. Und danach hat es ja immer noch einen Restwert. Am Ende gibt es einen neuen Vertrag über den Restwert, der dann abgezahlt werden kann. Das sind meistens noch so etwa vier Monate vom Volumen. Und dann gehört nach fünf Jahren und vier Monaten das Gewächshaus der Solawi. Und sollte die Solawi inzwischen nicht mehr funktionieren und löst sich auf – dann gehört das Gewächshaus uns. Rechtlich ganz wichtig ist aber: Die Vermietung ist eben kein Finanzierungskonzept, sondern wir als AG kaufen etwas und vermieten es dann. Am Ende kann man über den Restwert nachdenken oder einen Kaufvertrag machen, wenn es gewünscht wird. Höhere Sicherheit (für die Partner und für uns) können wir nicht bekommen.

*Solidarische Landwirtschaft

Was hat dich persönlich motiviert, diesen Weg zu gehen?

Wie gesagt, ich bin seit gut 40 Jahren Ökolobbyist. Und ja klar, das Wort „Lobbyist“ soll anstoßen. Egal wo du das sagst, stößt du damit an und das ist genau das, was ich will. Also seit 40 Jahren mache ich das.  1982 haben meine Frau und ich bei Augsburg einen Betrieb gegründet und sind dann 1992 nach Coburg gekommen, um hier den Betrieb aufzubauen. Nebenbei noch viel im Ehrenamt aktiv, verschiedene Vereine, Verbände und so weiter. Und naja eine Aktiengesellschaft, das ist die kapitalistischste Form, die wir haben, das schließt sich vielleicht erstmal aus mit links, grün, öko. Aber wir haben sie! Also, lasst sie uns bedienen, nutzen, entwickeln, sodass sie das tut, was eine Aktiengesellschaft nämlich ursprünglich war. Denn bei einer Aktiengesellschaft haben Leute Geld gegeben, weil sie eine Idee gut finden, ihr nur das Kapital fehlt. Und wenn alles klappt, erhalten die Aktionär:innen ihr Geld mit Rendite zurück. Aber das, was die meisten Aktiengesellschaften und der Aktienmarkt heute sind, das ist ja die völlige Pervertierung dieses grundsätzlich richtigen Systems. Deswegen bin ich strenger Verfechter davon, dass wir auch weiterhin nicht an die Börse gehen! Weil das System uns dann frisst. Schaut man sich große Unternehmen an, was da für Werte entstehen, die mit nichts außer großen Namen hinterlegt sind. Das hat nichts mehr mit der Realität zu tun.

Und ich glaube, wir müssen eben darauf achten, dass die Realität und die Finanzen ein Verhältnis zueinander haben. Und an der Börse haben sich die zwei Dinge völlig getrennt und in der Aktiengesellschaft, so wie wir sie betreiben, sind sie hingegen miteinander verknüpft. Darum finde ich eine Aktiengesellschaft prinzipiell gut. Ja, wir müssen die Systeme bedienen – und sie dorthin führen, wo wir sie brauchen, wo sie wieder den Menschen, der Umwelt dienen und nicht mehr die Menschen und die Umwelt dem System dient. Bei uns sind das etwa 300-400.000 Euro. Ja, das ist nicht die Welt, aber es ist ein bisschen und es stößt, genau wie ich mit meinem Wort Ökolobbyist, an.

Hast du ein Lebens- oder Arbeitsmotto?

Ich bin in zwei Bereichen tätig, weil ich die wichtig finde. Das eine ist Ökolandbau und das andere ist Bildung. Also ich sage immer, wenn Ökolandbau und Bildung gut im Griff sind, dann wäre die Welt erheblich netter. Das ist mein Motto. Denn alles andere sind Folgen davon.

Ich habe selbst 25 Jahre hier an der Waldorfschule als Nebenjob unterrichtet und war eben auch 16 Jahre Vorstand in dem Schulverein. Ich glaube, wir müssen die Zukunft über die Kinder gestalten. Und dazu gehört, dass die anständig ernährt werden und eigenständiges Denken lernen.

Wie ist dein Arbeitsalltag als Co-Vorstand?

Ich stehe so um sieben ungefähr auf. Viertel nach acht / halb neun gehe ich dann auf die Arbeit.  Manchmal wird’s auch zehn, weil dann gibt es nämlich bei uns in der Firma Frühstück . Da habe ich vielleicht vorher ein bisschen was telefoniert, Mails geschrieben oder solche Dinge, weil der Vorstandsposten ist ja ein absoluter Nebenerwerbsposten. Ich fokussiere mich viel auf die Vernetzungsfunktion. Ich bin auch Vorstand vom Ernährungsrat Oberfranken. Da gibt es natürlich Vernetzungen. Ich bin aber z.B. auch Vorstand der oberfränkischen Schafhalter. Ich bin aktiv in der Region, um einfach diese Vernetzungsfunktionen zu gewährleisten. Im Grunde genommen ist mein Job total spannend, weil ich selbst entscheiden kann, wann ich was mache und worauf ich Lust habe. Ich lebe eigentlich sehr zurückgezogen, weil das Tagesgeschäft Maria übernimmt. Maria ist halt die Macherin, die hat eine enorme Expertise durch die Läden, die sie früher alle geleitet hat.

Warum lohnt es sich,  in die Regionalwert AG zu investieren?

Ein Satz? Kinderaugen versus Geldrendite.

Also mich fragen, wenn ich irgendwo stehe und für die Regionalwert AG werbe, immer Leute, was kriege ich denn da? Was kriege ich für eine Rendite? Und dann sage ich immer, „Also wissen Sie, wenn Sie Ihren Kindern und Enkeln in die Augen schauen wollen, dann kommen Sie zu mir. Und wenn Sie echt viel Geld machen wollen, dann gehen Sie zu renditestarken Börsenunternehmen, unabhängig von moralischen Bedenken“.

Prinzipiell die Idee, dass man sagt, man leitet Geld in sinnvolle Tätigkeiten um – das finde ich ganz, ganz wichtig. Warum ist es sinnvoll? Weil es Zukunftsinvestitionen sind, weil es Ökolandbau, Klimaschutz und Bildung vorwärtsbringt! Ja, weil es diese ganzen Dinge, die wir alle wichtig finden, voranbringt. Deswegen muss hier das Geld hin. Ähnlich der Strategie, gute Leute einfach aus der konventionellen (Land-)Wirtschaft abzuwerben und quasi wieder zu uns zurückzuholen. Die fehlen dann da und bereichern den guten Zweck.

„Wir haben Menschen, die am 20. des Monats schon nicht mehr wissen, wie sie den Einkauf bezahlen sollen. Da brauchen wir nicht diskutieren. Das ist für mich ein absolutes Armutszeugnis für ein Land wie Deutschland. Das darf aber aus meiner Sicht nicht die Aufgabe des ökologischen Landbaus sein, das zu regeln.“

– Dietrich Pax, Vorstand der Regionalwert AG Franken

Wie können Menschen konkret bei euch mitmachen oder etwas beitragen?

Für mich ist das Wichtige, dass Menschen über Kapital beitragen, denn wir sind eine Aktiengesellschaft und kein Verein. Bei einem Verein trage ich durch Ehrenamt bei, eine tolle Sache! In einer Aktiengesellschaft trage ich durch Kapital bei, das ist auch wichtig, um Dinge in der Region zu ermöglichen.

Wir sprechen auch immer mal wieder über neue Aktien-Konzepte. Dass z.B. noch klarer ist, wo man im Einzelfall investiert. Das allgemeine gesellschaftliche Wohlwollen ist eine ehrbare Einstellung. Aber ich tue mich vielleicht noch leichter mit einer Investition, wenn ich weiß, mir gehört ein Anteil vom Hühnermobil nebenan. Eine andere Idee wäre, dass die Teil-Regionen (Mittelfranken, Oberfranken, Unterfranken) untereinander bzw. miteinander solidarisch sind, wenn es um nötige Investitionen geht. Quasi wie ein Solidaritätszuschlag. Untereinander haben sich hier über die Generationen mentale Unterschiede eingeschlichen. Da haben wir es im Fränkischen nicht so leicht. Und drum wäre das für mich sozusagen der Goldstandard, wenn man da solidarische Verteilung der Investitionen schaffen würde!

Was müsste sich gesellschaftlich oder wirtschaftlich ändern, damit Unternehmen wie deines wachsen können?

Also ich glaube, man kann relativ einfache Maßnahmen ergreifen. Ich bin so ein Verfechter vom „True-Cost-Prinzip“: Wenn wir uns mal bewusstmachen, dass wir in der deutschen Landwirtschaft jährlich für 21 Milliarden Euro Produkte erzeugen…und für 90 Milliarden Euro Umweltschäden. Zum Glück mildern ökologische Betriebe den Schaden zumindest etwas ab. Die Regionalwert Leistungsrechnung berechnet das ja sehr genau. Aber wir könnten durch die Umwandlung der gesamten Landwirtschaft auf ökologischen Landbau das System um Milliarden Euro im Jahr verbilligen. Denn irgendjemand zahlt ja die Umweltschäden. Die zahlen wir ja nicht alle gleich. Einen großen Teil verschieben wir auf die jüngere Generation, auf die Kinder und Enkel. True Cost würde also bedeuten, konventionelle Produkte, die viele Umweltschäden anrichten, sollten massiv teurer werden.

Dazu gehört für mich auch die CO2 Steuer, die gerne bei 200 € liegen darf je Tonne. Also die Leute, die gern CO2 technisch verpressen wollen, die müssen halt 1000 € in die Hand nehmen. Die Leute, die es in der Landwirtschaft in Humus einbauen, so wie ich das gerade tue, die kommen mit 35 bis 50 Euro aus je Tonne. Und da kann jeder entscheiden, ob er technikaffin ist und 1000 Euro bezahlt oder landwirtschaftsaffin ist und 50 Euro bezahlt. Die Wirtschaft ist inzwischen auch endlich bereit, dass Klimaresilienz entsteht. Sie können es sich nicht mehr leisten, gerade die Versicherungswirtschaft. Das sind eigentlich unsere besten Verbündeten.

Und zum Thema Ernährungsarmut und (hohe) Preise für Bio-Lebensmittel: Also wir haben Menschen, die am 20. des Monats schon nicht mehr wissen, wie sie den Einkauf bezahlen sollen. Da brauchen wir nicht diskutieren. Das ist für mich ein absolutes Armutszeugnis für ein Land wie Deutschland. Das darf aber aus meiner Sicht nicht die Aufgabe des ökologischen Landbaus sein, das zu regeln. Das lehne ich knallhart ab. Ich glaube nicht, dass wir als Ökolandbau dafür sorgen müssen, dass Leute mit so wenig Geld zurechtkommen. Das müssen die Leute machen, die das Geld derzeit in der Tasche haben.

 

Ein Satz, der Mut machen soll, sich zu engagieren:

Also wenn wir sehen, wie viel Lobbygeld und Ressourcen in der allgemeinen Wirtschaft fließen, dann sind wir auf jeden Fall mit dem Faktor 1000 effizienter. Wenn du schaust, wie viele Lobbyisten auf einen Parlamentarier kommen und wie viele Ökolobbyisten auf 100 Parlamentarier kommen, dann liegen wir beim Faktor 1 zu 1000. Das ist ganz einfach. Und trotzdem ist, wenn du in die Zeitungen und Veröffentlichung guckst, der Ökolandbau mindestens so gewichtig wie der konventionelle. Auch wenn wir im Augenblick einen Backlash haben ohne Wenn und Aber. Das ist im Augenblick einfach so. Aber ich glaube, da geht es dann auch ums Durchhalten ein Stück weit.

 

Welche Frage, die ich nicht gestellt habe, hättest du gerne beantwortet?

Wie oft hinterfragst du deine Motivation und deine Ideen? Mit dem Ziel gesellschaftlich anschlussfähig zu bleiben und auf der Suche nach einer relativen Wahrheit?

Und die Antwort: mehr als einmal wöchentlich. Das halte ich für eine Voraussetzung, um mit Menschen reden zu können. Zum einen, um sie auszuhalten im Einzelfall. Ja, und die Leute dürfen dich schon für verrückt halten, das finde ich schon okay. Aber sie müssen wissen, dass du etwas Wichtiges zu sagen hast. Und das bedingt, dass du a) die gleiche „Sprache“ sprichst und b) dass sie dich ernst nehmen. Ich war früher Demeter-Vorstand und habe eng mit Josef Wetzstein zusammengearbeitet, der viele Jahre Bioland-Vorstand war. Da habe ich mich oft gefragt: Was wäre mir wichtiger? Wenn 3% der Betriebe als Demeter wirtschaften und sonst gäbe es nur konventionelle? Oder wenn 100% der Betriebe Bioland machen. Spannende Frage. Und nein, da habe ich keine Antwort darauf gefunden. Ich glaube, da kann man keine dauerhafte Antwort finden. Aber die Frage muss man sich ganz oft stellen.

 

Wen würdest du als nächstes für ein Impact Stories Interview nominieren?

Ich würde jemanden nominieren, der viel für uns getan hat: da fällt mir das Team der Regionalwert Leistungsrechnung ein. Ich glaube, wir müssen mehr auf die Leute gucken, die die Hintergrundarbeit machen.

Wir bedanken uns bei Dietrich Pax für die spannenden Ausblicke und senden herzliche Grüße nach Franken! Mehr Informationen zur Regionalwert AG Franken gibt es hier. Das nächste Interview gibt’s im August. Stay tuned!