Dorle Gothe leitet seit der Gründung 2016 die Regionalwert AG Rheinland. Zum neuen Jahr wechselt Aufsichtsrat Sven Johannsen in den Vorstand, damit Dorle sich neuen Projekten und ihrem eigenen Kulturhof widmen kann. Wir hatten das Privileg, mit ihr über ihre Zeit als Vorständin, ihr Leben, Wirken und Erfolge sprechen zu können.

In einem Satz: Wofür steht eure AG?

Die steht für den Aufbau und die Förderung von regionalen und sehr nachhaltigen Strukturen, so dass Landwirtschaft enkeltauglich wird.

Top erster Satz.

Ich könnte auch noch mit Kommas und Semikolon arbeiten, aber…

Welches Problem wollt ihr mit eurer Arbeit lösen?

Wir wollen die Menschheit retten, denn letztendlich geht es um die Grundlagen unserer Existenz. Es geht um Klimawandel und Artenvielfalt. Viele denken, es ist nur der Hamster, den man da rettet. Das ist es aber nicht. Verlust von Artenvielfalt heißt auch mehr Übertragbarkeit von Krankheiten, Verlust von ganzen Lebensräumen eigentlich. Aber es geht auch um Ernährungssicherung in Zeiten von Kriegen, Unsicherheiten und Krisen. Und natürlich um gesunde Ernährung. Also es gibt sehr viele sehr, sehr wichtige Aspekte, für die die regional-ökologische Ernährung eine Lösung ist. Ich finde, das ist eines der wichtigsten Themen, dass wir uns gesund und sicher ernähren können. Und das wollen wir mit unseren regionalen Strukturen erreichen, dass wir resilient sind gegenüber Krisen.

Was hat dich persönlich motiviert, diesen Weg zu gehen?

Ich bin damit groß geworden. Zum Beispiel hat mein Vater mir schon früh die Inhalte vom „Club of Rome“ nahegebracht, eine internationale Denkfabrik, die sich für eine nachhaltige Zukunft der Menschheit einsetzt. Er hat Projekte im sozialen Bereich durchgeführt. Ich bin in der Sozialistischen Selbsthilfe Köln aufgewachsen, wo alle, die kein Heim hatten, hinkommen und einfach mitarbeiten konnten. Es war sehr einfach organisiert, jeder Tag war gleich.

Nach der Tschernobyl-Katastrophe hat mein Vater begonnen, auch ökologisch nachzudenken und hat einen Selbstversorgerhof aufgebaut, als ich 14, 15 war. Ich habe daraufhin ökologischen Landbau studiert, weil es mir große Freude bereitet hat, in Gemeinschaft etwas Gutes zu bewirken. Ich habe auf Höfen gearbeitet und meine Diplomarbeit zu Nachhaltigkeitskriterien geschrieben, über eine regionale Marke hier im Bergischen „Bergisch Pur“.

Ich habe schnell gemerkt, dass die Kriterien im Ökolandbau gut sind, aber eben nicht alles umfassen, nicht ganzheitlich sind. Sie beziehen sich zwar auf den Anbau, aber wenig auf die sozialen Strukturen. Ich habe in Witzenhausen weiter studiert, dort gab es das erste und einzige Studium „Ökologischer Landbau“. Hier trafen sich alle Ökos der Nation und auch die ersten Wissenschaftler, die sich um Nachhaltigkeit bemühen. Da hat man dann mitbekommen, wie schwierig es ist, Dinge politisch umzusetzen. Genau das ist aber meine Motivation.

Ich habe drei Kinder und ich denke, da muss man die Welt ein bisschen besser hinterlassen als vorher. Ich denke, wenn man all das einmal verstanden hat, kann man gar nicht anders. Wir haben im Rheinland ein Netzwerk unter Betrieben und Verarbeitern aufgebaut – mit den Bioverbänden und Initiativen wie die Biostädte Bonn und Köln, Slow Food, die Ernährungsräte und den Solawis (solidarische Landwirtschaft). Wir arbeiten gern mit den Praktikern, wenig Theorie und Papier, dafür mehr mit den Menschen, die umsetzen. Mein Mann und ich haben schon 2002 ein Beratungsinstitut für nachhaltige Regionalentwicklung gegründet, um Projekte im ländlichen Raum vor Ort langfristig anzulegen.

Was treibt dich an, weiterzumachen? Gibt es ein Lebens- oder Arbeitsmotto?

Ich versuche, möglichst positiv an die Dinge heranzugehen. Schwierigkeiten gibt es immer, Lösungen aber auch. Es kann schon sehr frustrierend sein, wenn man merkt, dass Dinge verhindert werden, weil Viele nur reden aber nicht machen…ihre Handlungsspielräume nicht nutzen (gerade in der Politik). Aber ich lebe sehr im Jetzt und nicht so sehr in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Wenn ich in Krisen stecke, denke ich: „Was ist das Schlimmste, was mir passieren kann?“ Fehler machen, Job verlieren, Ansehen einbüßen – ja, das kann passieren, aber an sich habe ich es sehr gut. Ich habe eine tolle Familie um mich rum, Freunde, die mich mögen, ein Dach über dem Kopf – und darüber kann man sehr glücklich und zufrieden sein. Und das ist so ein bisschen mein Minimum Anspruch. Ja, vielleicht geht mal was verloren oder ich bin verantwortlich für etwas und muss damit zurechtkommen. Ich habe schon einige Krisen durch in meinem Leben und ich glaube, ich bin nun relativ krisenfest.

Kannst du eine Geschichte teilen, die zeigt, wie eure Beteiligung etwas bewirkt hat?

Wir haben viele tolle Geschichten hier erlebt! Also wir haben mit dem Breuner Hof angefangen, das war unsere erste Beteiligung, da haben wir einen Hof stabilisiert. Der Hof hatte keine Hofnachfolge. Trotz fünf Kinder Patchwork Familie wollte keiner den Hof übernehmen. Und da haben wir die Nachfolge begleitet, was sehr aufwendig war. Aber das haben wir geschafft! Ganz tolles, junges Paar, die das jetzt mit ganz viel Engagement umsetzen und auch die Leute mitnehmen, z.B. durch Kuhpatenschaften. Die haben alle männlichen Kälber auf dem Hof und vermarkten sie als Fleisch. Also von daher richtig, richtig toll.

Eine andere wichtige Beteiligung war die Gründung eines Demeter-Gemüsebaubetriebs. Da haben wir nur 30.000 Euro gegeben, aber der konnte sich einen Folientunnel aufbauen und dadurch dann gleich mehr Gemüse vermarkten. Ein wichtiger Zugewinn für die Gemüsebelieferung Kölns! Wir haben kürzlich den Film The Pickers bei der Hauptversammlung angesprochen, der zeigt, dass Obst und Gemüse oft durch Sklavenarbeit geerntet werden. Deswegen sind mir diese Gemüsebaubetriebe so wichtig, um da einen Unterschied zu machen! Einer unserer Partnerbetriebe, Haus Bollheim, vermarktet ganze 95 Prozent ihrer Produkte nur in der Region Köln-Bonn und im eigenen Hofladen. Und das ist für uns das Role Model! Ihr Nachhaltigkeitsbericht ist der beste, den wir haben! Die achten auf Bodenfruchtbarkeit, nutzen Streuobst, die Heckenlandschaft ist großartig. Da gibt es manche Vogelarten nur noch, weil es diese 220 Hektar auf ihrem Hof gibt. Das bestätigte uns die biologische Station NRW.

Und zuletzt natürlich die mobile Schlachterei, die wir nach wahnsinnig aufzehrenden Kräften endlich an den Start gebracht haben. Das Mobil war auch auf der Hauptversammlung da: Unser Metzgermeister Thomas Klein hat es für unsere Aktionäre vor die Tür gestellt und dann konnten sich das alle einmal angucken. Und das ist ein ganz wichtiger Baustein: weil Düsseldorf, Köln, Bonn, also wirklich die großen Städte, haben ihre Gemeindeschlachthäuser einfach aufgegeben – ohne Alternative. Und das ist eigentlich kriminell. Denn das heißt ja, dass die Landwirte kaum noch selber vermarkten können, wenn sie keine Schlachtmöglichkeit haben. Und dass die Gemeinden oder Kreise gesellschaftliche Aufträge, die sie seit jeher übernommen haben, nicht mehr erfüllen. Es profitieren die großen Strukturen, die dann übrig bleiben – aber krisenanfällig sind, wie wir in der Corona Krise gesehen haben. Wenn z.B. Tonnies zumacht und 40.000 Schweine am Tag nichtmehr geschlachtet werden.

Gab es eine Begegnung, die dich besonders bewegt hat?

Naja, natürlich gibt es auch Momente, die z.B. bitter und traurig sind. Besonders bewegt hat mich, als wir die Monschauer Molkerei verloren haben. Aber es gab auch so viele positive Momente! Zuletzt DEINspeisesalon – einer unserer Parterbetriebe, die innerhlab von nur 1-2 Jahren so viel umgestellt haben, dass sie schon jetzt das Bio Silbersiegel der Gastronomie haben.

Ich bin oft am Anfang euphorisch, wenn ich neue Projekte kennenlerne und denke dann: „Wie cool ist das denn, so ein tolles Produkt! Und auch noch gut für Mensch, Tier und Umwelt – toll, dass man das unterstützen darf!“ Also, ich bin da manchmal demütig und sag das dann auch „vielen Dank, dass wir da mitmachen dürfen.“ Weil es einfach enorm ist, was die Betriebe leisten. Regional und nachhaltig zu produzieren ist eine Mammutaufgabe. So viele Regeln, so viel billige Konkurrenz, so viel zu erklären! Es ist wichtig zu verstehen, wie viel Arbeit diese Menschen leisten.

Warum lohnt es sich, in die Regionalwert AG zu investieren?

Weil es langfristig unsere Ressourcen schützt und unsere Ernährung sichert. Weil es Gemeinschaft in der Region stärkt. Und ich glaube, das wird wichtiger denn je in der Zukunft, gemeinsam diese regionalen Strukturen aufrecht zu erhalten – und das macht im Zweifel sogar Spaß!

Wie können Menschen konkret bei euch mitmachen oder etwas beitragen?

Also, ich sag immer, Aktien zu kaufen ist natürlich das eine. Eine stabile Finanzierung ist absolut wichtig. Auf der anderen Seite: einkaufen bei den Partnerbetrieben und zu unseren Veranstaltungen kommen. Wir sind bei Hoffesten unserer Partnerbetriebe, haben online Veranstaltungen und sind mit Ständen vertreten. haben online Veranstaltungen und sind mit Ständen vertreten.

Wir haben 2024 die Kampagne namens „Was ist es dir wert?“ mit allen Regionalwert AGs durchgeführt, um zu zeigen was den Unterschied macht – auch monetär. Unsere Partnerbetreibe leisten für 1,5 Millionen Euro nachhaltige Beiträge für Artenschutz, Ausbildung und vieles mehr – nachgewiesen durch die Regionalwert-Leistungsrechnung anhand von Buchführungsdaten. Es ist wichtig, positiv auf die Verbraucher:innen zugehen und ihnen zu zeigen, wieviel Wert, Umweltschutz und Arbeit in einem regionalen Produkt steckt:

Also keine Sklavenarbeit, keine Umweltbelastung, wenig Transport, die Straßen gehen nicht kaputt. Stattdessen bekommt man Artenvielfalt, Engagement für die Region, gute Bodenfruchtbarkeit. Es ist wichtig, dass solche Informationen an die Verbraucher:innen kommen. Kampagnen immer wieder gemeinsam umgesetzt werden. Und auch die eigene Nachhaltigkeitsanalyse* alle fünf Jahre erneuert wird.

*die Nachhaltigkeitsanalyse ist ein tool der Regionalwert Leistungsrechnung zur Berechnung von Gemeinwohlleistungen (wie Umweltschutz, Artenvielfalt, Regionalität & Arbeitsqualität)

Was müsste sich gesellschaftlich oder wirtschaftlich ändern, damit Unternehmen wie deines wachsen können?

Das Problem ist, dass nachhaltig arbeitende Betriebe benachteiligt sind in so vieler Hinsicht: sie produzieren mit höheren Kosten und müssen dennoch alle Kosten (Grundwasserreinigung, Artenschutz, Gesundheitskosten etc.) der anderen Betriebe, die billig mit hohen Umweltkosten produzieren, über Steuern mittragen. Und es gibt viele Regeln in der EU, die verhindern, dass man diese Ungerechtigkeit ausgleichen kann.

Insgesamt ist der Agrarmarkt sehr international, ein Börsengeschäft, dass aus Profitgier auch zu Hunger führt. Die Agrar-EU-Subventionen, das sind ja Milliarden, müssten anders verteilt werden. Nicht einfach nach Landbesitz, sondern nach gesellschaftlichen Leistungen. Zum Beispiel in einen Regionalfonds. Dann könnte man tatsächlich das fördern, was den größten Effekt für die sozialen, ökologischen und regionalwirtschaftlichen Aspekte bringt. Wissenschaftlich fundiert, z.B. mit der Regionalwert-Leistungsrechnung.

Für mich ist der wichtigste Ansatz, dass diese Fördergelder richtig genutzt werden. Es gibt das große Problem, dass wahnsinnig viel Geld im Umlauf ist für genau das Falsche. Da werden Strukturen gefördert, die Umwelt, Tierwohl und regionale Strukturen belasten. Und die Entscheider sind auch noch davon überzeugt! Unsere Politiker haben oft viel zu wenig Bodenhaftung, haben viel zu wenig Ahnung, was so ein Betrieb und die Menschen täglich durchmachen. Das schafft viel Frustration – auch gesamtgesellschaftlich.

Lasst uns lieber gemeinschaftliche Zusammenarbeit vor Ort in den Regionen fördern – besser Geschichten untereinander austauschen, gegenseitig kennenlernen, Berührungsängste überwinden in den Projekten für nachhaltige Ernährung. Das wäre der richtige Ansatz mit Zukunft. Bundesweit gibt es aber aktuell leider so wenig Verständnis für Nachhaltigkeit und eine starke Lobby für die großen Betriebe, gegen die man kaum ankommt.

Ein Satz, der Mut machen soll, sich zu engagieren?

Nichts macht mehr Spaß als das Richtige zu tun!

Welche Frage, die ich dir nicht gestellt habe, hättest du gerne beantwortet?

Ich werde auf der jährlichen Hauptversammlung unserer AG immer gefragt, ob es Gewinne gibt. Verständliche Frage, die Leute investieren ja in uns, weil wir eine Alternative mit Sinn sind. Auf der anderen Seite, wenn man dann das große Minus der Verluste sieht, machen die einem wirklich zu schaffen. Das ist nicht einfach auszuhalten als Vorstand, und dafür sind wir nicht angetreten. Wir wollen ja wirtschaftlich erfolgreich sein und gleichzeitig den Betrieben, die struggeln, helfen. Und das heißt manchmal auch, dass man dann Verlust macht. Und dafür muss ich mich aber als Person, als Einzelperson, als Vorstand, verantworten. Und das ist das, was wirklich bitter und auf Dauer echt schwer ist. Und da glaube ich, sollte man auch mehr drauf achten, die Vorstände der Regionalwert AG und ihre harte Arbeit mehr wahrzunehmen und auch zu loben. Denn wir müssen vielen Dingen gleichzeitig gerecht werden: den Betrieben, den Aktionär:innen, den Netzwerken mit denen wir arbeiten – und immer schauen wie wir uns finanzieren können, wenn die Gewinne in dem Betrieb ausbleiben, weil sich der Markt geändert hat.

Also die Frage, die es hier zu stellen gäbe: wie kann man Vorständinnen und Vorstände unterstützen, auch mental? Das ist eine wichtige Aufgabe, auch für Aufsichtsräte, dass die darauf achten.

Hier im Rheinland habe ich großes Glück: der Job ist schön, aber auch hart. Wir haben aber unglaublich engagierte Aufsichtsräte. Wir treffen uns regelmäßig persönlich. Es ist ein sehr herzliches und gutes Zusammenarbeiten! Weil wir uns bewusst sind, dass die Aufsichtsrät:innen uns die Zeit ehrenamtlich schenken, machen wir es besonders schön. Wir essen gemeinsam mit guten Produkten unserer Betriebe und feiern Erfolge gemeinsam. Ich habe nie eine Entscheidung für eine Beteiligung alleine getroffen, sondern habe den Aufsichtsrat als sehr engagierten (und fachlich versierten) support hinter mir. Das ist ha eigentlich eher unüblich.

Mich wollte schon mal jemand aus der Wirtschaftsbranche abwerben. Für 10.000 Euro im Monat und einen Dienst-Tesla. Doch ich dachte, das ist nicht das, was mich interessiert. Was soll ich mit einem Tesla oder mit 10.000 Euro im Monat, wenn ich hier gemeinschaftlich und sinnstiftend arbeiten kann?

Wen würdest du als Nächstes für ein „Quick Questions“-Interview nominieren?

Eindeutig Susanna, die Vorständin eurer Regionalwert AG Bremen. Sie macht echt eine tolle Arbeit, sehr motiviert und ausgezeichnet. Tolles Marketing mit so vielen kreativen Ideen. Und ihr seid immer willkommen im Rheinland, also wenn ihr mal wieder einen Betriebsausflug macht – kommt vorbei!